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Veröffentlicht am 13.01.2016 von nemesis

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Portrait Wolfsheim

Wolfsheim – the story so far

Bands, die sich absolut in keine Ecke drängen lassen, weder hundert Prozent Rock, Pop, Wave, Gothic oder sonstwas sind, gibt es eigentlich kaum noch. Wolfsheim allerdings gehörten zu dieser seltenen Spezies und sollten ihre Fans mit ihrem bisher letzten Album Casting Shadows einmal mehr zum Träumen verleiten und eignständige und vor allem tiefsinnige Stimmung verbreiten.

Sänger Peter Heppner und Instrumentalist Markus Reinhardt gaben sich sehr gesprächig – schlimm ist das nur, wenn jemand viel redet und doch nichts zu sagen hat – aber diese Volkskrankheit kennen wir ja eher von einer anderen Berufsgruppe. Die beiden jedenfalls hatten mehr als nur einen interessanten Smalltalk auf Lager und die Zeit für dieses Interview hätte ruhig länger sein dürfen.

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Und auch wenn sich heute noch gestritten wird und sich die ehemaligen Members der Band uneins sind, hoffen die Fans weiter. Heppner würde die Band, die nach diesem Album pausierte oder sich in den Augen mancher auflöste, gern fortführen. Man wird sehen. Damals war alles jedenfalls noch in bester Ordnung.

„Wir waren wirklich überrascht, wie gut es mit dem Album für uns lief“, begann Peter das Gespräch. „Wir hatten uns die ganze Zeit nur auf die CD und die Songs konzentriert und alles drum herum eigentlich gar nicht wirklich mitbekommen. Wir hatten auch über die CD nicht nachgedacht – das kam erst bei den Interviews. Früher wurden wir mit viel mehr Kritik konfrontiert, was auch gut ist. Kritik an sich ist in der richtigen Form keine schlechte Sache. Doch diesmal läuft es richtig klasse.“ Betrachtet man sich das Material fernab von stilistischen Scheuklappen eigentlich auch nur zu verständlich. „Vielleicht fiel es manchen Leuten langsam auf, dass das, was wir machen, etwas Besonderes ist“, fügte Markus an.

Nix für das Radio

„Früher fanden einige unseren Sound seltsam, eben weil man ihn nur schlecht in eine Schublade stecken konnte. Das ist an vielen Stellen auch wieder von Vorteil – besonders heute. Früher war es oftmals ein Nachteil. Es hieß, unsere Mucke würde nicht ins Radio passen, weil sie derart nachdenklich ist. Ich kann das allerdings nicht nachvollziehen. Ich bin schon der Meinung, dass solche Mucke ins Radio gehört. Zudem heißt ein ‚das passt nicht rein’ nur, daß es nicht zu dem passt, was sonst gespielt wird. Da kann ich dann nur sagen: Spielt doch mal was anderes. Sicher ist es nicht so leicht, das Programm bei einem Sender nach Belieben zu ändern, schließlich gibt es da ja auch noch die Werbekunden.“

Die aber meistens, seien wir mal ehrlich, nur eine schlechte Entschuldigung sind, die die Sender vorschieben, um die wahren Gründe für so manches Programm nicht preisgeben zu müssen. Formatradio heißt das Zauberwort. Gespielt wird, was in ist, und macht es dadurch erst in. Die Majorlabels spielen dabei keine geringe Rolle. Zudem richten sich die gespielten Songs nach den Charts – und dabei ist nicht immer von den tatsächlich gekauften Exemplaren die Rede, sondern auch von den Vorbestellungen, die man den Läden noch vor Veröffentlichungstermin einer Platte aufschwatzen kann.

So funktioniert das (oder auch nicht)

Wenn ich hier jetzt aber noch mehr ins Detail gehe und Behauptungen anderer weitergebe (titulieren wir´s mal vorsichtig als Behauptungen), wär das am Thema vorbei. Die Sache mit dem Formatradio, sprich keine musikalischen Sparten, sondern Trend rauf und runter, sieht Markus ähnlich, haben sich doch gerade lokale Sender immer mehr den ‚Großen’ angepasst.

„Was bei einem Sender funktioniert, übernimmt man dann eben auch gleich für sich. Das allgemeine Problem ist, daß sich keiner mehr auf etwas festlegen will. Zu uns kommen die Leute, die Fans, die Texte wollen, die auch etwas bedeuten. Und es gibt für unsere Art von Musik und die Art Musik zu machen, eine sehr großes Publikum.“

Im Sinne der Labels?

Eine Tatsache, die man MTV, VIVA und den Radios eigentlich nicht stecken braucht, doch viele Sachen übersieht man nur zu gerne. „Je mehr Larifari in den Charts steht, umso mehr Leute kommen zu uns und unserer Musik. Doch es kann natürlich nur im Interesse der Industrie sein, ein Produkt zu kontrollieren. Wir setzen unseren Kopf durch – das kann nicht selbstredend nicht im Sinn eines Labels sein“, kam Markus auf die Sarkastische. „So abstrus es ist, aber in den Radios gab es immer eine gewisse Gleichschaltung. Alle Sendungen sollen für alle Hörer sein. Da kann nur einiges auf der Strecke bleiben.“ Und auch eine Menge Musikhörer, die komplett aus dieser Erfassung rausplumpsen.

Der schöne Beruf ‚Mediaplaner’ wird ja immer wieder anders definiert. Die einen sehen darin, eine Art Marketinghansl, wieder andere eben eine Person, die die Planung eines Mediums, Inhalte, Gestaltung, Umsetzung etc, plant. Für diejenigen Vertreter dieser Spezies wäre mal ein Umdenken in Richtung Kreativität recht sinnvoll. Ansonsten könnten sich einige Programmdirektoren angesprochen fühlen.

„Dadurch, wie es eben läuft, fliegen wir aus den Programmen raus. Sicher, das ist eine Milchmädchenrechnung, die nicht aufgehen kann. Des läuft, was die Radios wollen und nicht, was die Leute gern hören würden. Grönemeyer lief mit ‚Mensch‘ rauf und runter. Tag und Nacht. Und zu uns heißt es, deutschsprachige Musik sei am Tag nur schwer unterzubringen und schwer zu spielen, weil sie nicht angenommen würde.“ Dazu muSS man nun nicht wirklich was sagen.

Das Problem mit der Deutschen Sprache

„Vielleicht hab ich das ja auch alles falsch mitbekommen und war auf einen anderen Planeten“, witzeltE der Künstler. „Seit einigen Jahren rollt die deutsche Mucke wieder, nach den ´80ern war es schwierig, weil zuvor die Neue Deutsche Welle bis zum Gehtnichtmehr ausgereizt worden war.“ Vielleicht liegt es ja auch daran, dass man einfach keine deutschen Texte eine Zeit lang mochte – zu wenig internäschonäl – die etwas aussagen und die Leute mitunter zum Nachdenken bringen könnte. Deutschsprachige verstehen ihre Muttersprache nun mal leichter als englisch. „Das Hauptproblem an der Sache ist allerdings, daß die meisten Stücke im Radio gar keine Aussage haben“, warf Peter ein.

„Möglicherweise haben wir an uns als Musiker einen höheren Anspruch – ich hoffte, dass wir nun nicht instrumentalisiert werden würden, als Vorzeigeband gehypt würden, die einen eigenen Stil vertritt und somit nur als Werkzeug zum Fabrizieren eines neuen Trend verwendet werden. Was wir machen, machen wir nicht aus Rebellentum, sondern weil es das ist, was wir wollen. Es ist die Musik und die Art und Weise, die wir umsetzen wollen. Für uns ist unser Modus Operandi, als unsere Art, Musik zu machen und auch der Stil, selbstverständlich.“

Erste die Kunst, dann der Mensch

Und Markus fügte hinzu: „An uns liegt auch alles Kreative, wir treffen die Entscheidungen, nicht andere Menschen. Für uns ist es eben manchmal wirklich unverständlich, was so außen rum läuft und passiert. Wir werden oft nach unserer Meinung zu ‚Deutschland sucht den Superstar’ gefragt – ich finde das Ganze schon seltsam. Sicher geht es dort auch um Musik, doch eben auf eine ganz andere Art als bei uns. Wir sehen nicht uns als Personen im Vordergrund, sondern die Musik. Wir machen Musik nicht, um bekannt zu werden, sondern um der Mucke Willen – nicht zum Selbstzweck. Wäre uns nicht genug für diese CD eingefallen, hätte es sie nicht gegeben, oder wir hätten eben noch gewartet und Material gesammelt.“

„Und hätte meine Stimme zu dem einen oder anderen Stück nicht gepasst oder wäre ein anderer Sänger, eine andere Sängerin besser für das Lieg gewesen, hätte ich das Ganze eben nicht gesungen. Und hätte ich keine sinnvollen Texte auf die Reihe bekommen, wären es eben Instrumentalstücke geblieben. Alles muss seine Berechtigung haben“, gab Peter zu bedenken. „Wenn es um Karriere und Geld geht, ist man in der Musik auf alle Fälle an der falschen Adresse. Mein erster größerer Erfolg war ‚Die Flut‘ gemeinsam mit Witt. Das war an die zehn Jahre nach Entstehung von Wolfsheim.“ Darüber sollte mal der eine oder andere ‚Champ’ nachdenken. Was am Ende überlebt ist das Werk und nicht der Musiker, der Maler oder Produzent. Aber um diese Erkenntnis wirklich umzusetzen, steht einem einfach wohl zu oft die menschliche Eitelkeit in zu großem Maße im Weg. Und das nicht nur in der Kunst.

Alben bisher

  1. No Happy View
  2. Popkiller
  3. Dreaming Apes
  4. Spectators
  5. Casting Shadows

photocredit:By Strange Ways Medien GmbH.The original uploader was Nergal at German Wikipedia.Later version(s) were uploaded by -jha- at German Wikipedia. (Photoscan der Zeitschrift New Life, August 1992) [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

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